06.06.1996
SZ Sächsische Zeitung

Der Neubeginn ging mit einem Umzug einher
Dr. Sc. Peter Sebald

Der Neubeginn ging mit einem Umzug einher

Aus der einhundertjährigen Geschichte der Firma Scade in die Gegenwart (4. Folge/Schluß)

Von Dr. sc. Peter Sebald

Der Neubeginn der Firma Rudolf Scade und Söhne in den Jahren von 1990 bis 1992 war in der ungewohnten Wirtschaftsstruktur des vereinigten Deutschland mit außerordentlichen Problemen belastet. Im übertragenen Sinne kann man wohl sagen: Nur gut, daß sich der gelernte Dachdecker Rudolf Scade in der Gratwanderung auf dem First eines Daches auskannte und sich immer der Gefahr eines Absturzes nach der einen wie der anderen Seite bewußt war. Manchmal beschleunigt die Natur notwendige Entscheidungen des Menschen. Ursprünglich wollte Sohn Andreas im August 1992 dem Vater Rudolf nur den längst benötigten Urlaub ermöglichen, indem der die Urlaubsvertretung übernahm; doch der Vater erkrankte für ein halbes Jahr. So kündigte der Sohn seinen sicheren Arbeitsplatz in Dresden und übernahm die Leitung des Unternehmens. Es war nicht nur moralische Verpflichtung dem Vater gegenüber, sondern auch persönliche Herausforderung: In Dresden war er seit Jahren im Management gewöhnt, Projekte größerer Ordnung bis zum erfolgreichen Abschluß zu führen. Diese Reorganisation schien ihm auch für die Dachdeckerfirma nach der "Startphase" erforderlich.

Neues Gelände für den Betrieb

Vorrang hatte der Umzug in das neue Betriebsgelände am Nordostrand der Stadt an der Plittstraße. Seit Jahren stand die Firma in langwierigen Verhandlungen mit der Treuhand, um das Gelände des ehemaligen Großhandelskontors für Obst und Gemüse zu erwerben. Dieses Gelände war mit rund 20 000 Quadratmetern für die Belange der Firma zu groß. Andreas Scade legte nunmehr die Konzeption für einen Gewerbepark vor. Das akzeptierte die Treuhand und nahm mit dem Vertragsabschluß bereits im November 1992 ihren schnellsten Transfer vor. Die Treuhand hatte erhebliche Verpflichtungen auferlegt: mindestens zehn neue Arbeitsplätze mußten geschaffen werden bei der Androhung einer Konventionalstrafe von 25 000 DM für jeden nicht erfüllten Arbeitsplatz. Ferner mußte 400 000 DM Investitionen auf dem Betriebsgelände vorgenommen werden. Bereits am 1. Dezember 1992 erfolgte die Umsiedlung der Firma an die Plittstraße. Inzwischen ist auch die Vision des Gewerbegebietes verwirklicht worden. Hier sind die Firma Roland Silbe, Heizung und Sanitätsgroßhandel, Frank Tschoppe, Gerüst- und Trockenbau, und seit dem 1. April 1996 Zimmermeister Rüdiger Penitzka beheimatet. Mit allen diesen Firmen wird zum wechselseitigen Nutzen gut zusammengearbeitet.

Grundlegende Reorganisation

Die Arbeitsbereiche wurden reorganisiert. Das betraf vornehmlich die Leitung. Denn die neuen Projekte beliefen sich nunmehr auf 500 000 bis 600 000 DM. Sie waren mithin doppelt und dreifach so groß wie die bisherigen größten Objekte und erforderten eine neue Qualität der gesamten Arbeitsorganisation. Nicht zuletzt mußte sich Andreas Scade im Bau- und Vertragsrecht völlig neu einarbeiten, um die Stolpersteine der Marktwirtschaft "im Kleingedruckten" eines Vertrages rechtzeitig zu erkennen. Auch sollten nicht "auf Teufel komm raus" Aufträge hereingeholt werden. So erwies sich das Jahr 1992 nicht nur als Beginn auf neuem Betriebsgelände, sondern auch auf einem neuen Niveau. Diese widerspiegelt sich in der Bilanz des Jahres 1993, als der Umsatz verdoppelt werden konnte. Lang ist die Liste der bis 1996 fertiggestellten Projekte, und sie liegen in unterschiedlichsten Teilen von Deutschland: zum Beispiel ein Mehrzweckgebäude in München, eine Hochgarage in Bayreuth, Gebäude der Kläranlagen in Bitterfeld, das Dach des Sorbischen Museums in Cottbus. Heute nehmen Arbeiten der komplexen Dachrekonstruktion etwa drei Viertel der Kapazität des Betriebes in Anspruch, ein Viertel entfällt auf Dachneubauten. Ist die Firmenleitung bereit, Spezialprojekte in ganz Deutschland zu übernehmen, so sieht sie den Haupttätigkeitsbereich der Firma in der Oberlausitz, etwa im Umkreis von 50 Kilometern. Zur Zeit sind 68 Mitarbeiter, fast ausschließlich hochqualifizierte und dementsprechend bezahlte Facharbeiter, bei der Firma angestellt. Wie einst zu Großvaters Zeiten, als die Firma noch ihren Sitz in Diehsa hatte, stammen die jungen Facharbeiter auch aus vielen Dörfern im Umfeld von Niesky. Doch auch bezüglich des Personals erfolgte 1992 eine grundlegende Umstrukturierung, ausgehend von den Erfordernissen eines modernen Betriebes. Heute beschäftigt die Firma vier Meister, elf Klempner (darunter zwei Frauen) sowie zwei Blitzschutzmonteure. Der Mehrheit der Belegschaft sind gelernte Dachdecker, darunter zwei Lehrlinge. In der Verwaltung sind sieben Mitarbeiter beschäftigt.

30 000 DM je Arbeitsplatz

Bemerkenswert ist die technische Ausstattung des Betriebes. Statt des einen Lkw Robur sind nunmehr neun Pkw, 15 Kleintransporter und drei Anhänger (darunter ein Spezialanhänger für Asbestsanierung) eingesetzt. Acht motorbetriebene Bauaufzüge mit bis zu 24 Metern Ausfuhrlänge erleichtern und beschleunigen die Arbeit ungemein. Für Großobjekte ist ein Kran vorhanden, der sogar in 36 Meter Höhe hinaufreicht, also gegebenenfalls an Kirchturmspitzen aufwendige Einrüstarbeiten erspart. Hinzu kommen Kleingeräte, so daß insgesamt je Arbeitsplatz eine Investitionssumme von etwa 30 000 DM zustande kommt. Auch in Zukunft will sich die Firma von ihrer bewährten Konzeption leiten lassen, Qualitätsarbeit zu kostengünstigen Preisen und Termintreue zu leisten; immer mehr Bauherren suchen für Dacharbeiten nur noch einen Geschäftspartner, der die komplexe Sanierung übernimmt und zuverlässig durchführt. Das bietet die Firma Scade. Längst ist in Fachkreisen bekannt, daß der bedeutende Aufschwung der Firma Scade vorrangig dem Sachverstand und überlegten Disponieren von Scade, Vater und Sohn, zu verdanken ist. Deshalb wurde Vater Rudolf Scade in den Technischen Rat der Landeshandwerkskammer Sachsen berufen und seit Anfang 1996 in den Zentralvorstand des deutschen Dachdeckerhandwerks, wo er im Fachbereich Bauphysik im Arbeitskreis Unterdächer, Unterdeckung und Unterspannungen (worunter Wärmeschutz und Energie zu verstehen sind) tätig ist. Sohn Andreas arbeitet im Wirtschaftsförderverein des Kreises mit.

Eine Firma unserer Region

Der Aufmerksame Leser hat in dieser jüngsten Firmengeschichte sicherlich viele Parallelen zu anderen Handwerksunternehmen in Niesky und Umgebung wiedererkannt; er wird deshalb die Leistung der Firma zu würdigen wissen, zumal wohl auf viele Betriebe unserer Region der bereits angeführte Vergleich von der erfolgreichen Gratwanderung des Dachdeckers angesichts vielfältiger Absturzgefahr zutrifft. Aber das Bewußtsein, in hundert Jahren doch unterschiedlichste Krisensituationen bewältigt zu haben, gibt gewiß nicht nur der Firma Scade berechtigte Hoffnung für die Zukunft. Eine Traditionslinie aber verdient zum Schluß besonders hervorgehoben zu werden, weil sie doch so viele Menschen unserer Region direkt berührt: Vor 100 Jahren konnte jedermann zu jeder Zeit zur Firma Scade kommen, um ein paar Meter Dachrinnen anbringen, das Dach seines kleinen Wohnhauses reparieren oder neu eindecken zu lassen. Auch im Jahre 1996 sieht die Firma trotz der Großaufträge eine ihrer Aufgaben darin, auch durch für diese Zwecke besonders eingerichtete Brigaden solche Aufträge kurzfristig durchzuführen.