30.05.1996
SZ Sächsische Zeitung

Als sich vor sechs Jahren die
Dr. Sc. Peter Sebald

Als sich vor sechs Jahren die Ereignisse zu überstürzen begannen

Der Neubeginn im Jahre 1990 - 100 Jahre Dachdeckerfirma Scade (Folge 3)

Von Dr. sc. Peter Sebald

Jeder Leser kennt es aus dem eigenen Lebensweg: Selbst eine sogenannte "geradlinige" Entwicklung löst sich beim genaueren Hinsehen in eine aufstrebende Auf- und Abkurve auf. Obendrein vollzieht sich Entwicklung nicht im zeitlichen Gleichmaß. Mal verläuft sie so behäbig, daß uns aus ganzen Jahren nichts in der Erinnerung haften geblieben ist. Zu anderen Zeiten hingegen "überstürzen sich die Ereignisse". Sie bleiben uns unvergessen, weil wir hier Weichen für unsere Zukunft gestellt haben. So ist es verständlich, wenn in der 100jährigen Geschichte der Firma Scade die letzten sechs Jahre ein solches Gewicht einnehmen, daß sie sogar in zwei Folgen abgehandelt werden müssen. Denn selbst diese kurze Zeitspanne zerfällt in zwei Etappen.

1989 gab es keine Firma Scade

Zu Beginn des Jahres 1989 existierte die Firma Scade nicht mehr. Der ehemalige Firmenchef Rudolf Scade hatte eine leitende Funktion im Betriebsteil "Raumelemente Dauban" des Hoch- und Tiefbaukombinates Pirna und sah (Jahrgang 1928) der Rente entgegen. Seine drei inzwischen erwachsenen Kinder wußte er in zukunftsträchtigen Berufen. Als nun im November 1989 in der DDR die politische Wende begann, wäre es nur zu verständlich gewesen, wenn er den in der zusammenbrechenden DDR-Wirtschaftsstruktur für viele seiner Altersgruppe normalen Weg in den Altersübergang eingeschlagen hätte. Allerdings hatte er schon vor 1989 den Plan verfolgt, sich mit einer kleinen Firma, und sei es auf seinem Spezialgebiet des Blitzschutzes, wieder selbständig zu machen.

Plötzlich andere Rahmenbedingungen

1990, im letzten Jahr der DDR, änderten sich mit der absehbaren Einordnung in die Wirtschaftsstruktur der BRD die Rahmenbedingungen. "Reprivatisierung" galt als das von staatlichen Instanzen und mit ERP-Krediten geförderte Standardmodell. Sie förderte eine Aufbruchstimmung, allerdings unter dem Zeitdruck der bevorstehenden Währungsunion, die einen Neubeginn der Firma zum 1. Juli 1990 als zweckmäßig erscheinen ließ. Im März 1990 schied Rudolf Scade aus dem Betrieb in Dauban aus, um den in das staatliche Bauunternehmen einst eingebrachten Betrieb wieder in eigene Regie zu übernehmen. Auf der örtlichen Ebene vollzog sich dies ohne größere Schwierigkeiten. Der Direktor des ehemaligen VEB Bau Niesky stimmte zu, daß der Bereich Dachdeckerei, Bauklempnerei und Blitzschutz zurückübertragen wurde. Auch die Belegschaft dieses Bereiches unterstützte weitgehend nach ausführlichen Rücksprachen diese Rückführung. Doch was war denn eigentlich zurückzuführen? Das ehemalige Betriebsgelände an der Thomas-Mann-Straße (hier befand sich 1989 nur noch die Schlosserei) war ja nur gepachtet worden, und der auf 30 Jahre befristete günstige Pachtvertrag lief aus. Es war ferner absehbar, daß die PEKA an der Bautzener Straße (inzwischen ebenfalls im Reprivatisierungsprozeß) als Verpächterin das Terrain wiederhaben wollte. So konnte die Firma Scade gewerblichen Grundbesitz, der für jeden Bankkredit die eigentliche Bürgschaft bildet, nicht erhalten.

Grundmittel für 60 000 Mark

Sie übernahm als Grundmittel vom VEB Bau laut Vertrag lediglich ein Werkstattgebäude auf dem Gelände der Thomas-Mann-Straße im Wert von 8 000 Mark und ein Sozialgebäude (3 000 Mark). Ferner wurden zwölf "ortsveränderliche Grundmittel" übernommen, so eine Drehbank, Bohrmaschine undsoweiter im Gesamtwert von 9 650 Mark. Zur Betriebs- und Geschäftsausstattung gehörten ferner ein Wohnwagen (6 000 Mark), ein Leitergerüst (9 700 Mark) sowie ein Lkw Robur (2 500 Mark). Der Wert der "Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe" betrug 30 000 Mark, davon entfielen 20 000 auf Klempnermaterialien. Alles zusammen ergab eine Summe von lediglich 59 850 Mark. Diese hier angeführten "Grundmittel" veranschaulichen, unter welchen bescheidenen Bedingungen in der DDR-Wirtschaft die Dachdecker arbeiten mußten; um so mehr verdient ihre geleistete Arbeit Anerkennung. Ein an modernen BRD-Maßstäben orientierter Unternehmer hätte freilich mit diesen Grundmitteln gar nicht zu arbeiten begonnen. Denn die Investitionssumme je Arbeitsplatz beträgt etwa 30 000 Mark. Die übernommenen "Grundmittel" hätten mithin gerade für zwei Arbeiter ausgereicht. Aber auch das war nur eine Rechnung auf dem Papier: Weder Maschinen noch Werkstoffe entsprachen dem technisch notwendigen Niveau. Erfahrene BRD-Unternehmer hätten, wie aus unzähligen Beispielen bekannt, das Alte einfach weggeworfen und neue Technik angeschafft.

Die neue Belegschaft

Die eigentliche Problematik aus den Anforderungen eines modernen Dachdeckerunternehmens bestand in der Größenordnung der Belegschaft. Gewiß hatten 1990 die staatlichen Instanzen, der VEB Bau und vor allem die Bauarbeiter selbst, ein Interesse daran, daß alle bisherigen Arbeitsplätze gesichert werden sollten. So übernahm die neue Firma Scade 1990 alle 45 einschlägigen Arbeitskräfte, auch unter Anerkennung ihrer bisherigen Betriebsangehörigkeitszeiten. Das betraf vier Meister, 20 Dachdecker und vier Lehrlinge, fünf Bauklempner und zwei Lehrlinge (darunter ein weiblicher, die übrigens heute als Facharbeiter in der Firma arbeitet), drei Blitzschutzmonteure, einen Sachbearbeiter und eine Halbtagskraft. Nur sah sich die neue Betriebsleitung sofort mit der Kehrseite dieser großen Zahl von Facharbeitern konfrontiert: Selbst der beste Facharbeiter konnte nicht, sozusagen mit der bloßen Arbeitskraft, gegen die hochtechnisierten westdeutschen Bauunternehmer konkurrieren! Wie konnte der neue Betrieb unter diesen Bedingungen in einer Ausschreibung mitbieten?

"Schöpferisches Improvisieren"

Nun, DDR-Bürger waren auf Grund der Planwirtschaft das "schöpferische Improvisieren" gewöhnt. Auch schuf die Aufbruchstimmung im Jahr 1990 zeitweilig günstige Bedingungen, so daß als Bürgschaft für einen ERP-Kredit, weil ein Geschäftsgrundstück fehlte, die beiden Wohngrundstücke von Vater Rudolf Scade und Sohn Andreas akzeptiert wurden. Die Gewerbegenehmigung wurde erteilt, es erfolgte die Eintragung in die Handwerkerrolle, und am 1. Juli 1990 startete die Firma "Rudolf Scade und Söhne"; sie war eine der ersten reprivatisierten Firmen auf diesem Wirtschaftssektor.

". . . & Söhne" hieß "und Joachim"

"und Söhne" bedeutete, daß Sohn Joachim von Anfang an in der Produktion mitarbeitete. Sohn Andreas (geboren 1958) hingegen hatte, wie so mancher aus seiner Generation und Herkunft, die akademische Laufbahn eingeschlagen. Er arbeitete in leitender Position in Dresden auf dem Gebiet der Mikroelektronik. Mit Stolz verweist er heute in seinem Büro auf die berühmte DDR-Entwicklung 1-Megabit-Chip. Diese Spezialisten waren auch nach der Wende gesucht, und so führten ihn Vorträge und Verhandlungen in die USA, Kanada und nach China. Sollte er diesen seinen sicheren Arbeitsplatz mit einem unsicheren in dem neugegründeten Dachdeckerunternehmen eintauschen?

Computertechnik eingerichtet

Selbstverständlich half er dem Vater bei der unumgänglichen Einrichtung der Computertechnik im neuen Betrieb. Aber, zumal er selbst nicht aus dem Baufach stammte, verfolgte er zunächst einmal, ob der Betrieb 1990 nicht auch ohne ihn auskommen konnte.

"Arbeiten und lernen" hieß die Devise

Die ersten Bauvorhaben der neuen Firma Rudolf Scade und Söhne im Jahr 1990 waren noch die vom VEB Bau übernommenen Planprojekte wie die Neubaublöcke an der Nordseite der Ödernitzer Straße in Niesky. Auch das Dach des Genesungsheimes im alten Schloß in See (heute Altersheim) wurde neu eingedeckt. Daß 1892 hier der Firmenbegründer August Scade als seinen ersten größeren Klempnerauftrag die Dachrinnen am Schloß erneuert hatte, daran konnte Enkel Rudolf Scade in dem Moment keinen Gedanken verschwenden.

Die Belastung wuchs enorm

Die aktuellen Probleme führten zu einer enormen Belastung, zu einem großen Arbeitsaufwand, bei dem die Firmenleitung keinen geregelten Feierabend, kein freies Wochenende, keinen Urlaub kannte. Alle befanden sich seit 1990 in einem großen Lernprozeß, in den jedes Belegschaftsmitglied einbezogen war. Denn jeder war mit einer Vielzahl neuer Werkstoffe und Materialien konfrontiert, deren Anwendung und Verarbeitung erst gelernt sein wollte. Tagtäglich priesen Vertreter neue Materialien, Gerätschaften, Arbeitstechniken an. Selbstverständlich mußten Kleintransporter und Kleinaufzüge angeschafft werden, damit der große Anteil körperlicher Arbeit nach und nach ins richtige Verhältnis zur technischen Ausrüstung gesetzt werden konnte. Doch was mußte den Vorrang haben, was war überhaupt ein richtiges Verhältnis?

Die Aufträge nun selber suchen

Auch mußten eigene Aufträge gesucht werden, und sei es die Produktion der heute überall im Kreis vorhandenen Recycling-Container der Firma Halke. Im Herbst 1990 erhielt die Firma Scade auf einem ihrer Spezialgebiete, der Renovierung von Kirchendächern, den Zuschlag für die Annenkapelle in Görlitz. In bewährter guter Qualität wurde die Arbeit erledigt. Das war die beste Referenz für weitere Objekte in Görlitz und anderen Städten sowie bei den Behörden für Denkmalschutz. Aber alle diese Projekte unterstrichen in den Jahren 1991/92 das Hauptproblem: Mit welcher Größenordnung und welchem Profil wollte die Firmenleitung den Betrieb in die Wirtschaft einordnen? Vor allem: Wo sollte sich der Betrieb, in Niesky Mitte 1992 noch auf drei Objekte verteilt, niederlassen?

(wird fortgesetzt!)