Emil Scade brachte die Firma durch die Inflationszeit
Dr. Sc. Peter Sebald

Emil Scade brachte die Firma durch die Inflationszeit

Familienbetrieb Scade ist seit 100 Jahren auf den Dächern - Handwerksbetrieb gründete sich 1896 in Diehsa (Folge 2) Von Dr. sc. Peter Sebald

Familie August Scade wohnte im neuen Haus mit seinen vier Kindern, zwei Töchtern und zwei Söhnen. Der Älteste, Emil, absolvierte in Görlitz in einer Dachdeckerei und Bauklempnerei von 1907 bis 1910 die Lehre. Anschließend schickte ihn sein Vater vom 1. November 1910 bis 5. April 1911 nach Glauchau auf die Deutsche Dachdeckerschule. Sein Zeugnis weist in allen Fächern die Fleißnote eins auf, sein Verhalten wurde als "tadellos" bewertet, seine fachlichen Leistungen waren gut: Emil Scade wußte die gebotene Chance einer besseren Ausbildung zu nutzen. Von 1911 bis 1924 arbeitete er bei seinem Vater, war aber, wie die Geschäftskorrespondenz ausweist, bereits mit vielen selbständigen Aufgaben beauftragt. Das war auch notwendig, weil das Unternehmen seine geschäftliche Aktivität weit über das Nieskyer und Diehsaer Umfeld ausgeweitet hatte. Im Mai 1914 übernahm z. B. die Firma das Dachdecken für ein Landhaus eines Direktors in Dahlem bei Berlin (899,33 M) und im gleichen Jahr das Eindecken des Herrenhauses in Klein Rybno (1 494,61 M). Im 1. Weltkrieg wurde Emil eingezogen; dafür ging dem Vater sein zweiter Sohn Bruno (1910 bis 1978), der Klempner gelernt hatte, zur Hand. Als Emil aus dem Krieg zurückgekehrt war, kaufte er in Diehsa das ehemalige Sägewerk und baute es um. Als der Vater am 12. September 1924 starb, übernahm Emil die Firma und verlegte mit dem 1. Januar 1925 den Sitz dorthin. In dem von August Scade gebauten Haus führte Emils Bruder Bruno (dessen beide Söhne kurz nach dem 2. Weltkrieg starben) die Klempnerei bis zu seinem Tod im wesentlichen als Ein-Mann-Betrieb fort. Ausdruck der neuen Betriebsführung durch Emil war auch, daß sich die Firma erstmalig einen Briefkopf zulegte. Er trug den technischen Neuerungen im Baugewerbe Rechnung, erwarb 1926 den Führerschein für ein Kraftrad und kaufte ein Motorrad, 1938 auch einen Lastkraftwagen. Zunächst mußte er jedoch die Firma durch die schwere Zeit der Inflation und der Weltwirtschaftskrise bringen. Betrug die Zahl der Angestellten etwa sieben bis acht, so sank sie im Krisenjahr 1932 auf vier Mann.

Dachdeckerarbeiten in der Holzkolonie

Die Nieskyer wird besonders interessieren, daß 1926/27 im Osten der Stadt (bis 1929 Neuödernitz) in der Holzkolonie Neu-Ödernitz die Eigenheim-Baugenossenschaft der Firma Emil Scade, Diehsa, die Ausführung sämtlicher Dachdeckerarbeiten übertrug. Das bezog sich zunächst auf vier Doppelhäuser, die von der Firma C & U in Niesky industriell vorgefertigt waren. Für 0,65 Reichsmark für den laufenden Quadratmeter Dachfläche wurde das Dach gedeckt. Die Familie Emil Scade hatte drei Kinder, von denen aber zwei bei der Geburt in Diehsa starben. Die Eltern entschlossen sich deshalb, unter ärztlicher Kontrolle das dritte Kind zur Welt zu bringen. Das geschah per Kaiserschnitt im Emmaus-Krankenhaus am 24. Juli 1928, so daß der heutige Hauptgesellschafter der Firma, Hans Rudolf Scade, ein gebürtiger Nieskyer ist. Er wuchs jedoch in Diehsa auf und kam am 1. April 1942 bei seinem Vater in die Dachdeckerlehre. Während des kurzen Wirtschaftsaufschwungs seit Mitte der 30er Jahre wurde 1934 der Kirchturm in Klitten für 2 822,43 RM mit einem neuen Kupferdach gedeckt. Im 2. Weltkrieg wurde die Firma durch staatliche Reglementierungen auf die Belange der Kriegswirtschaft ausgerichtet. Im letzten Kriegsjahr wurde der 17jährige Sohn Rudolf zur Wehrmacht eingezogen, geriet in Kriegsgefangenschaft, wurde 1946 entlassen und kehrte 1947 nach Hause zurück. 1948 schloß er die Lehre als Facharbeiter ab. Er besuchte 1948/49 sowie 1950/51 in Lehsten/Thüringen die Dachdeckerschule und legte dort die Meisterprüfung ab. An Arbeit für die Firma Emil Scade mangelte es nach dem Ende des 2. Weltkrieges nicht, waren doch im April 1945 durch Angriff und Gegenangriff Diehsa und alle umliegende Dörfer sowie Niesky schwer in Mitleidenschaft gezogen. Über ein Jahrzehnt war die Firma praktisch nur mit der Beseitigung von Kriegsschäden und Reparaturen ausgelastet. Bei dem durch die Kriegszerstörungen bekannten chronischen Mangel an Material, Maschinen usw. erforderte das eine hohe Einsatzbereitschaft und Findigkeit des Leiters wie der Belegschaft.

Politik begrenzte Belegschaftsstärke

Andere Hemmnisse für die Firma ergaben sich aus der an Schemata orientierten Politik in der DDR, die bürokratisch die Belegschaft in privaten Handwerksbetrieben auf zehn Beschäftigte, in der Sommersaison auf 15 begrenzte. Verständlicherweise übernahm der Sohn, mit den neuen Bedingungen besser vertraut, frühzeitiger die Leitung des Betriebes. Mit Gesellschaftsvertrag vom 19. Juni 1954 wurde die Firma zunächst in "Emil Scade und Sohn" umbenannt. 1958 übernahm Rudolf Scade die Firma vollständig. Das waren keine formal notwendigen Schritte. Rudolf Scade war nicht nur Dachdeckermeister sondern geprüfter Blitzschutzanlagenbauer, dessen Eintragung in die Handwerks- und Gewerberolle von besonderer Bedeutung war. Auch mußten die berechtigten Interessen der Firma vertreten werden. So wurde am 27. Dezember 1957 ein Brief an den Rat der Stadt gerichtet: "Wir bitten den Rat der Stadt, uns bis zum 15. Januar 1958 schriftlich mitteilen zu wollen, wer die Dachdeckerarbeiten an den von dem Rat der Stadt Niesky im Bau befindlichen 31 WE und vier Läden auf dem Zinzendorfplatz ausführen soll. Sollte uns die Ausführung dieser Arbeiten nicht übertragen werden, lehnen wir in Zukunft die Ausführungen sämtlicher Reparaturarbeiten ab. Unsere Belegschaftsmitglieder und wir sind nicht gewillt, jahrelang sämtliche Reparaturarbeiten an städtischen und unter städtischer Verwaltung stehenden Gebäude durchzuführen, wenn die Neubauten von anderen Firmen durchgeführt werden." Diese offenen Worte hatten Erfolg. Anderen Rahmenbedingungen mußte Rudolf Scade Rechnung tragen. Als 1960 die Vergenossenschaftung in der Landwirtschaft durchgesetzt wurde, forcierten Partei- und Staatsfunktionäre auch die Bildung von Produktionsgenossenschaften im Handwerk. Aber da die neue Firma Rudolf Scade in die Handwerks- und Gewerberolle eingetragen war, war ihr auch die Möglichkeit geboten, eine staatliche Beteiligung aufzunehmen. Dafür entschied sich Rudolf Scade mit seinen 12 Beschäftigten, und der Firmenname erhielt den Zusatz KG (Kommanditgesellschaft). Der staatliche Gesellschafter der Firma wurde der VEB (K) Bau Niesky, mit dessen Direktor Wolfgang Stephan sich eine gute und erfolgreiche Zusammenarbeit entwickelte.

Staatliche Beteiligung

Mit dieser Beteiligung hatte Rudolf Scade einen größeren Spielraum. Diesen nutzte er, indem er 1960 in der Nieskyer Thomas-Mann-Straße 2 a von der "Peka" Gelände einschließlich der Baracken für die im 2. Weltkrieg hier untergebrachten "Fremdarbeiter", für 30 Jahre pachtete. Er verlegte den Sitz der Firma nunmehr von Diehsa nach Niesky, behielt aber seinen Wohnsitz in Diehsa. In Niesky wurde nunmehr eine neue Werkstatt und Lagerhalle gebaut, die Zahl der Beschäftigten stieg bis auf 34, denn auf Rudolf Scades Initiative war die Bauklempnerei dem Betrieb wieder hinzugefügt worden. Der Chef absolvierte von 1961 bis 1966 ein Ingenieurstudium in Zittau, das er als Bauingenieur in der Fachrichtung Hochbau abschloß. Am 1. Juli 1968 schlossen sich die vier Baubetriebe mit staatlicher Beteiligung im Kreis Niesky (Silbe/Niesky, Ziesche/Dauban, Brocke/Kodersdorf und Scade) zur Hoch- und Tiefbau KG zusammen, wobei die ehemaligen Firmeninhaber leitende Funktionen erhielten, Rudolf Scade wurde Technischer Leiter. Im April 1972 erfolgte die Verstaatlichung dieser Gesellschaft. Damit war offiziell der Firmenname Scade ausgelöscht, wenn auch die Bevölkerung weiter den Namen Scade für jenen Betriebsteil gebrauchte. Durch die staatliche Planwirtschaft waren so künftig die großen Arbeitsaufgaben festgelegt, der Spielraum für private Aufträge war zwar nicht beseitigt, jedoch eingeengt. Ehemalige Spezialaufgaben konnten jedoch auch jetzt noch fortgesetzt werden, so deckte die Firma die Dächer der Kirchen in Petershain und Diehsa neu ein und errichtete 1966 die Blitzschutzanlage an den Türmen der Peterskirche in Görlitz. Wie bei so vielen ehemaligen privaten Gewerken schlugen unter diesen staatlich reglementierten Bedingungen die drei Kinder von Rudolf Scade andere berufliche Wege ein. Marie-Luise (geb. am 5. Dezember 1956) wurde Krankenschwester, Sohn Andreas (geb. am 2. Februar 1958) absolvierte mit Erfolg ein Physikstudium und der jüngste Sohn Joachim (geb. am 2. Februar 1965) wurde Stahlbaumonteur.

Würden es 100 Jahre werden?

So setzte die DDR-Führung Schritt für Schritt ihre Politik durch, private Handwerksbetriebe zu verstaatlichen. Aber entsprach das der verkündeten Politik "Alles zum Wohl des Volkes!"? Trotz unbestrittener Aufbauleistungen in 40 Jahren DDR, zu denen auch die Firma Scade in allen wechselnden Eigentumsformen beitrug, konnte auch auf dem Spezialgebiet der Dachdeckerei durch die Ausschaltung des Privathandwerkes die wachsenden Bedürfnisse der Bevölkerung nicht befriedigt werden. So zeichnete sich 1989 unter DDR-Bedingungen ab, daß es keinen einhundertsten Jahrestag der Firma Scade 1996 geben würde. Aber eben diese DDR-Bevölkerung entschied sich in einer friedlichen Wende für einen anderen Weg.

(wird fortgesetzt)