August Scade begann zunächst als Bauklempner
Dr. Sc. Peter Sebald

August Scade begann zunächst als Bauklempner

Familienbetrieb Scade ist seit 100 Jahren auf den Dächern - Handwerksbetrieb gründete sich 1896 in Diehsa (Folge 1) Von Dr. sc. Peter Sebald

Man stelle sich vor, daß alle von der Firma Scade in einhundert Jahren eingedeckten und reparierten Gebäude plötzlich ohne Dach dastehen würden: darunter wären in Niesky die 1899 gebaute Post, die 1900 eingeweihte "Landeskirche" am Zinzendorfplatz, das 1995 renovierte Brüderhaus sowie mehrere der hier am Platz um 1960 gebauten Wohnhäuser, Fabrikhallen und in der Umgebung das Schloß in See sowie die Kirchen bis nach Klitten und Nieder Seifersdorf. Mehrere 100 Wohnhäuser, Wirtschaftsgebäude und Stallungen wären betroffen. Zu unser aller Erstaunen würde uns so der Wirkungsbereich dieser Firma vor Augen geführt werden. Jedoch dies ist das Schicksal einer Dachdeckerfirma: Wenn sich nicht gerade die Dachdecker mutig an Kirchtürmen hochseilen, so ernten den Ruhm für die Gebäude die Architekten und die Baufirmen. Aber die Dachdeckerfirma setzt auf jedes Gebäude die schützende Bedeckung: Dach, Wasserrinnen, Blitzableiter. Jeder Bauherr weiß deshalb ihre Arbeit zu schätzen, und jeder Kaufwillige achtet auf den Zustand des Daches, denn es ist eine Visitenkarte für das Haus. Erinnern wir hier an den 100. Jahrestag dieser Firma, so ist dies gleichzeitig eine Anerkennung für ein im Baugeschehen ganz unverzichtbares Handwerk.

Wechselwirkung Niesky und Diehsa

Niesky galt seit seiner Gründung 1742 auf Grund der Sozialstruktur der Brüdergemeine stets als Zentrum handwerklicher Ausbildung. Aber die Geschichte der Firma Scade veranschaulicht eine Binsenweisheit einer jeden Kleinstadt: Die Stadt war und ist auf die umliegenden Ortschaften angewiesen, wie auch andererseits die Dörfer im Umfeld von "ihrer Stadt" profitiert haben und profitieren. Es ist mithin unerheblich, ob eine Firma unmittelbar im Ort gegründet worden ist, oder seit wann sie ihren Geschäftssitz in die Stadt verlegt hat: Das Entscheidende war diese Wechselwirkung zwischen der Stadt Niesky und dem Dorf Diehsa, das nur in etwa sieben Kilometern entfernt liegt. Heute, im Zeichen der Motorisierung, ist dies gewiß keine Entfernung. Aber vor 100 Jahren mußte jeder Kilometer noch zu Fuß gelaufen werden und den Dachdecker erkannte man schon von weitem, denn er schob sein zweirädriges Wägelchen mit Dachrinnen und Arbeitsgeräten vor sich her. Diehsa (1936 bis 1947 Altmarkt) gehört zu jenen Dörfern im Oberlausitzer Teich- und Heidegebiet, die auf ein Alter von 600 bis 700 Jahren zurückblicken können; vor einhundert Jahren lebten dort etwa 700 Einwohner. Die Scades zählen nun wiederum zu den ältesten Einwohnern, und wenn berichtet wird, daß an der Grundsteinlegung der ersten drei Häuser von Niesky am 8. August 1742 Dörfler aus der Umgebung zuschauten, so könnte ein Scade darunter gewesen sein. Allerdings waren die Scades damals noch keine Handwerker, sondern Kleinbauern. So wurde der "Häusler" Gottlob Scade 1749 in Diehsa geboren, und er starb dort 1805. Gleiches wird von seinem Sohn, dem Häusler Johann Georg Scade (1782 bis 1864) und dessen Sohn, Johann Georg (1815 bis 1889) berichtet. Folgerichtig wurde auch dessen Sohn, der Firmenbegründer Karl August Scade, am 14. März 1854 in Diehsa geboren, und starb dort am 12. September 1924. Um es gleich bis in die Gegenwart zu führen: Auch dessen Sohn Gustav Emil Scade (1892 bis 1966) wurde in Diehsa geboren und starb dort, und auch der gegenwärtige Hauptgesellschafter der Firma, Hans Rudolf Scade, geboren am 24. Juli 1928, wohnt in Diehsa. Wer über 250 Jahre oder sieben Generationen an einem Ort ansässig ist, der wechselt nicht ohne dringende Notwendigkeit seinen Wohnsitz. Das Verhalten der Scades ist um so bemerkenswerter, weil Scades als Häusler nicht über größeren bäuerlichen Besitz verfügten. Wie so viele Söhne kleiner Bauern erlernte August ein Handwerk, als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung in Deutschland Kleinstädte wie Niesky und die Gutsherrschaften in jedem Dorf erfaßte. Vielfach verzichteten die Handwerker-Bauernsöhne nicht völlig auf die Landwirtschaft; denn zum einen wollten sie statt in der anonymen Stadt in der vertrauten Heimat leben. Zum anderen hatten sie bei Arbeitslosigkeit auch eine gewisse soziale Sicherheit, weil sie oft mit Hilfe ihrer Frau und Familienangehörigen landwirtschaftliche Eigenversorgung betrieben.

Handwerker und Bauernsöhne

Jene Handwerker, die in den Nieskyer Fabriken Anstellung fanden, pendelten tagtäglich zu Fuß, etwa seit der Jahrhundertwende mit dem Fahrrad, zwischen Arbeitsstelle und Wohnort. Die Bauhandwerker hingegen waren nicht an einen Ort gebunden, sondern begaben sich dorthin, wo ein Bau Arbeit bot. August Scade entschied sich für die zweite Möglichkeit, offenbar in einem vorgerückten Alter. Er hatte 1883 die (wen verwundert's) in Diehsa geborene Christiane Henriette Günzel geheiratet. Als Bauklempner zog er nun in der Bausaison, also etwa von März bis November, in die umliegenden Orte. Sein Weg ist gut nachzuvollziehen, denn Familie Scade besitzt das "Conto-Buch für Herrn August Scade, Diehsa", in denen er alle Ausgaben und Einnahmen für die Jahre von 1892 bis 1896 eingetragen hat, beginnend mit einer "Luftesse für Hilsberg in Quitzdorf für 4,25 Mark".

Der Anfang als Bauklempner

Am 22. Juni verlegte er erstmals in Neuödernitz, dem damaligen Arbeitervorort von Niesky, südlich der Rothenburger Straße, zwölf Meter Dachrinne und Rohr einschließlich dreier Knie für 16,50 Mark. Am 5. und 6. August arbeitete er für Schmidt, Niesky, 21 Stunden für 6,30 Mark, und erneut vom 2. bis 9. November 54 Stunden für 16,20 Mark (der Stundenlohn ist leicht zu errechnen, für einen unqualifizierten Arbeiter war er noch niedriger). Verrichtete er in Niesky offensichtlich nur Handwerksarbeiten, so hatte er im Schloß in See einen größeren Auftrag und brachte dort im August 128 Meter Dachrinne und Rohr an und installierte vier Kessel. 204 Mark erhielt er dafür, wobei er aber auch selbst gekauftes Material einsetzte. Bei den Ausgaben ist verzeichnet, daß er in Niesky mit Sicherheit bei dem brüderischen Eisenladen Höpner & Co einkaufte, und zwar einmal einen halben Zentner Eisen, Schwarzblech, Zinn und Blei für 9 Mark, Salzsäure und Salmiak für 0,75 Mark, ein anderes Mal einen halben Zentner Eisen und ein Pfund Zinn für 5,70 Mark; hier kaufte er auch zwölf fertige Knie-Stücke. Die Dachrinnen bog er selbstverständlich selbst; das Zinkblech bezog er wahrscheinlich direkt beim Großhändler in Breslau 510 Pfund für 129,15 Mark. Insgesamt gab er 1892 für Material 338,28 Mark aus. Einnahmen hatte er 735,89 Mark, so daß er einen Gewinn von 387,61 Mark verzeichnete, in dem allerdings seine 322 Arbeitsstunden, die er mit 80,50 Mark berechnete, enthalten waren. Nicht in Rechnung gestellt hatte er die An- und Abmarschzeiten von Diehsa zum Arbeitsplatz, die sich pro Tag (bei zehnstündiger Arbeitszeit) auf zwei bis drei Stunden belaufen haben dürften. Die handwerkliche Arbeit war mithin keineswegs leichter als die bäuerliche Arbeit. Bei dem "Gewinn" ist ferner zu berücksichtigen, daß vier Monate in der Wintersaison auf dem Bau nicht gearbeitet wurde und auch in der Arbeitssaison nicht tagtäglich Arbeit vorhanden war. Das Jahr 1893 brachte 438,90 Mark Gewinn, das Jahr 1894 450,60 Mark, jedoch waren die Arbeitsstunden auf 332 und 468 gestiegen. In dieser Situation muß sich der immerhin über 40jährige August Scade entschieden haben, die Dachdeckermeisterprüfung abzulegen, damit er sich nicht auf die Bauklempnerei beschränken brauchte und auch Lehrjungen und Gesellen einstellen konnte. Die Meisterurkunde ist nicht mehr erhalten (im letzten Monat des zweiten Weltkrieges war Diehsa als Durchmarschgebiet schwer von Verwüstungen betroffen).

Prüfung zum Dachdeckermeister

Am 15. April 1896 begann August Scade, nunmehr als selbständiger Dachdeckermeister, die neue Arbeitssaison. Zwar brachte er wie bisher zunächst Dachrinnen an. Jedoch bereits seit Mai ist das Eindecken und Umdecken von Dächern, auch des Hauses von Noll in Niesky, verzeichnet. Zunächst hatte er einen Dachdecker, Ernst Kujau aus Sproitz, angestellt, und von August bis Oktober noch einen zweiten. Durch das Dachdecken erhöhte sich auch der Wert der Arbeit. 1896 wurde das erste Geschäftsjahr mit 1 041,98 Mark und Ausgaben von 264,96 Mark abgeschlossen. 1897 beschäftigte August Scade drei Dachdecker und erstmalig einen Arbeiter. 1898 waren es acht Dachdecker und vier Arbeiter. Unter den Dachdeckern befand sich Ernst Loitsch aus Neuödernitz, der später in Niesky das bekannte Dachdeckergeschäft in der Görlitzer Straße eröffnen sollte. Die letzte Lohnnachweisliste von 1905 weist neun Dachdecker und zehn Arbeiter aus, aber von den ungelernten Arbeitern wurde nur ein Viertel aller Arbeitsstunden geleistet; die Stärke des Betriebes lag in den qualifizierten Dachdeckern, die aus allen umliegenden Dörfern stammten. In allen Statistiken müßte ein Dachdecker hinzugefügt werden: August Scade, der selbstverständlich auf allen wichtigen Baustellen selbst mitarbeitete. 1911 baute sich August Scade in Diehsa auf eigenem, etwa 1 000 Quadratmeter großem Grundstück (die ererbte Bauwirtschaft hatte seine Schwester übernommen) ein eigenes Haus. Bezeichnenderweise befand sich der Raum für die Bauklempnerei im Wohnhaus; die Nebengebäude für den Betrieb wurden erst in späteren Jahren gebaut. (wird fortgesetzt)